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China/Aids/KORR: Dorf der Verdammten - Blutspenden bringen Ort in China erst Wohlstand und dann Tod - Experten befürchten Millionen Betroffene
Cindy Sui
Agence France-Presse - November 30, 2000

Wenlou, 30. November (AFP) - Fünf Dollar sind auf dem chinesischen Land viel Geld. Umgerechnet etwa elf Mark, soviel bekam jeder Einwohner des chinesischen Dorfes Wenlou, der seit Beginn der 80er Jahre in den mobilen Blutbanken Blut spendete. Auch die Schwiegertochter von Cheng Gaotian trieb der finanzielle Anreiz zur Spende, und der 53-Jährige pflegte sie, bis sie an Aids starb. Knapp zwei Drittel der Einwohner des 800-Seelen-Dorfes in Zentralchina wurden durch sorglosen Umgang mit Blutspenden mit dem HI-Virus infiziert. Doch statt ihnen zu helfen, haben die Behörden das Dorf abgeschottet. Die umliegenden Krankenhäuser lehnen es ab, die Bewohner Wenlous zu behandeln.

Eine alte Tradition wurde den Einwohnern von Wenlou zum Verhängnis: Viele Chinesen glauben, dass sie mit dem Blut auch ihre Lebenskraft verlieren. Deswegen vermischten die Blutsammelstellen alle Spenden, gewannen daraus Blutplasma und spritzten den Spendern die restliche Flüssigkeit wieder ein. Die Folgen waren verheerend, von rund 150 nach dem Zufallsprinzip getesteten Dorfbewohnern sind 65 Prozent infiziert. Binnen zwei Jahren starben 30 Menschen an Aids, mindestens zehn kämpfen gegenwärtig gegen die tödlichen Symptome der Immunschwäche-Krankheit.

"Mein Sohn und meine Tochter haen mit etwa 15 Jahren angefangen, Blut zu spenden", erinnert sich eine Einwohnerin. Ihre Tochter starb im Juli, ihr heute 29-jähriger Sohn liegt kraftlos auf seinem Bett, die Beine von schwarzen Flecken übersät. "Er wollte nicht, dass ich zu den Blutsammelstellen gehe, da es mir gesundheitlich nicht gut ging", berichtet die Mutter. "Jedesmal, wenn er von der Spende kam, kaufte er einen neuen Dachbalken für das Haus." Fast alle Häuser in Wenlou sind auf diese Art finanziert worden, das Dorf erlebte einen plötzlichen Aufschwung.

Als die ersten HIV-Infizierten erkrankten, wussten die Krankenhäuser der Region zunächst nicht, mit welcher Krankheit sie es zu tun hatten. Die örtlichen Behörden schwiegen die Epidemie tot, schließlich hatten sie die zweifelhaften Blutsammlungen toleriert. Erst 1998 wurden die verhängnisvollen Blutspenden verboten. Wie viele Menschen auf diese Weise in China mit dem Aids-Virus infiziert wurden, weiß niemand. Experten schätzen jedoch, dass es mehrere zehn Millionen sind. Die Regierung ihrerseits behauptet, dass im ganzen Land höchstens etwa eine halbe Million HIV-Infizierte leben.

Wenlou ist heute praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Die Bauern dürfen ihre Zwiebeln und ihren Salat nicht länger auf den Märkten der Umgebung verkaufen. Im Krankenhaus der Nachbarstadt Shangcai weiß man inzwischen von der Existenz der Seuche. Da die Ärzte aber nicht wissen, wie sie die Aids-Kranken behandelt sollen, weisen sie sie zurück.

Die Behörden versuchen die Schlampereien so gut es geht zu vertuschen. "Sie haben mir gesagt, ich soll nicht mit Journalisten reden", berichtet Cheng Gaotian. "Aber hier geht es um meine Familie, ich habe das Recht zu reden. Ich bin 53, sollen sie mich doch festnehmen." In seinen Armen hält er einen dreijährigen Jungen, der sich vor Schmerzen windet. "Ich habe meine Schwiegertochter sterben sehen, aber das Schlimmste ist, dass ich nichts für meinen Enkel tun kann", sagt er bitter. "Ich habe mir bereits 25.000 Yuan (etwa 6800 Mark) geliehen, um Medikamente zu kaufen. Aber ich bin schon alt. Was soll aus meinem Enkel werden, wenn ich sterbe?"

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